Die amerikanischen Ernährungsempfehlungen wurden einer umfassenden Überarbeitung unterzogen: Das US-Gesundheitsministerium (HHS) und das Landwirtschaftsministerium (USDA) haben am 7. Januar neue Richtlinien vorgestellt, die einen stärkeren Schwerpunkt auf die Proteinaufnahme legen – insbesondere aus Fleisch und Vollmilchprodukten – und gleichzeitig Getreide weniger priorisieren. Die Änderungen stellen eine Abkehr von jahrzehntelangen früheren Ratschlägen dar und lösten eine Debatte unter Ernährungsexperten aus.
Die neue Ernährungspyramide: Ein Protein-First-Ansatz
Die aktualisierten Richtlinien zeigen eine umgekehrte Pyramidenstruktur mit Fleisch, Vollmilchprodukten, Olivenöl und Gemüse an der Spitze, was darauf hindeutet, dass diese den Kern der Ernährung bilden sollten. Getreide und Früchte liegen ganz unten, was auf eine geringere Bedeutung hinweist. Während die Grenzwerte für gesättigte Fettsäuren weiterhin bei 10 % der täglichen Kalorien liegen (im Zusammenhang mit Herzerkrankungen und Diabetes), machen die Richtlinien nun hochverarbeitete Lebensmittel für chronische Krankheiten verantwortlich. Insbesondere wurden die täglichen Alkoholgrenzwerte abgeschafft, ein Schritt, der in den 1980 festgelegten Richtlinien zuvor nicht vorgesehen war.
Expertenbedenken: Ideologie statt Beweise?
Ernährungsexperten, darunter Marion Nestle, emeritierte Professorin an der New York University, haben Bedenken hinsichtlich der Verschiebung geäußert. Nestle bezeichnet die Veränderungen als „radikal“ und verweist auf eine Rückkehr zu den Ernährungsempfehlungen aus den 1950er Jahren. Sie stellt die wissenschaftliche Grundlage für die Priorisierung von Fleisch und Milchprodukten angesichts ihres Gehalts an gesättigten Fettsäuren und ihrer Auswirkungen auf das Klima in Frage.
„Sie behaupten, es sei evidenzbasiert, liefern aber keine Beweise“, erklärt Nestle. „Es ist ein klarer Gewinn für die Fleisch-, Milch- und Alkoholindustrie auf Kosten hochverarbeiteter Lebensmittel.“
Die neuen Richtlinien reduzieren auch die empfohlenen Portionen Obst und Gemüse, was die Skepsis unter Befürwortern der öffentlichen Gesundheit weiter schürt. Nestle argumentiert, dass die Betonung des Proteins unnötig sei, da die Amerikaner bereits übermäßige Mengen davon konsumieren.
Was das bedeutet: Schulmahlzeiten, Bundesprogramme und Einfluss der Industrie
Die überarbeiteten Ernährungsrichtlinien werden sich auf die Nahrungsmittelhilfeprogramme des Bundes, Schulmahlzeiten und Militärrationen auswirken. Dieser Wandel wirft Fragen zur Erschwinglichkeit und Nachhaltigkeit auf. Angesichts der höheren Kosten dieser Zutaten im Vergleich zu hochverarbeiteten Optionen kann die Einführung proteinreicherer Vollwertkost in Schulen eine höhere Finanzierung erfordern.
Das Fazit
Die US-amerikanischen Ernährungsrichtlinien haben eine bemerkenswerte Änderung erfahren und geben der Proteinaufnahme Vorrang vor Getreide und hochverarbeiteten Lebensmitteln. Während einige Experten argumentieren, dass dies fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse widerspiegelt, sehen andere darin einen ideologischen Wandel, der von Brancheninteressen beeinflusst wird. Die langfristigen Folgen für Gesundheit und Umwelt bleiben abzuwarten.
